Toponomastikabend in Kortsch

KORTSCH – Für die Ortsnamenfrage zu sensibilisieren und über die Hintergründe zu informieren: Das war das Ziel, das sich die Vinschger Schützen gemeinsam mit der vom Südtiroler Schützenbund ins Leben gerufenen SOKO Tatort „Alto Adige“ gesetzt hatten, als sie am Donnerstag, den 14. Juni 2012 ins Vereinshaus Kortsch luden. Und der Abend wurde ein voller Erfolg: 250 Interessierte waren der Einladung gefolgt, um sich selbst eine Meinung zu bilden. Schließlich steht nach der Sommerpause im Landtag wieder der Gesetzentwurf der SVP zur Toponomastik zur Diskussion, der für die einen eine gute Lösung ist, für die anderen aber eine kulturelle Katastrophe, weil damit die faschistischen Ortsbezeichnungen auf alle Zeiten bestätigt würden.

Nach der Begrüßung durch Bezirksmajor-Stellvertreter Martin Wielander führte Hauptmann Arno Rainer in seinem Impulsreferat gekonnt in die Entstehungsgeschichte der Ortsnamen ein. Anschließend erläuterte die Historikerin Margareth Lun die biografischen Hintergründe Ettore Tolomeis und seine Methodik bei der flächendeckenden Italianisierung Südtirols, bevor Tobias Hölbling auf die rechtlichen Grundlagen der Toponomastik einging.

Im Mittelpunkt des Abends stand eine Diskussion mit Politikern verschiedener Parteien und dem Vinschger Bezirksmajor als Vertreter des Südtiroler Schützenbundes.

Erwartungsgemäß bunt war das Bild der Meinungen der Teilnehmer am Podium: Während Alessandro Urzì (FLI) erklärte, Südtirol könne nicht als so schön empfunden werden, wenn es kein zweisprachiges Land sei, egal, wer den italienischen Namen erfunden habe, betonte Brigitte Foppa (Grüne), dass die Verwendung der italienischen Ortsnamen keineswegs eine Demonstration der Italianità sei, sondern dass den Italienern vielfach nur die tolomeischen Erfindungen bekannt seien. Die faschistischen Namenserfindungen seien eine imperialistische Ungeheuerlichkeit, die aber die Macht von einst, nicht von heute widerspiegelten.

Martha Stocker (SVP) gab zu bedenken, dass die Toponomastik ein Thema für Eingeweihte sei, bei dem die Vorstellungen weit auseinander gingen. Für ein Gesetz wäre aber ein Konsens wichtig. Obwohl Martha Stocker erklärte, sie wünsche sich mehr Einnamigkeit, machte sie sich für den Gesetzentwurf der SVP stark, der eine Beibehaltung aller italienischen Gemeindenamen fordert.

Sven Knoll (STF) legte Wert darauf, dass zwischen echten italienischen (wie Martello) und den erfundenen faschistischen Ortsnamen (wie Malles) genau unterschieden wird. Es sei ein Fehler, das Thema zu sehr zu verpolitisieren. Er warnte auch vor einer Abstimmung, denn von den 116 italienischen Gemeindenamen seien 59 historisch und 57 von Tolomei erfunden. Von letzteren hätten außerdem nur vier Gemeinden mehr als 10 % Italiener.

Pius Leitner (F) bedauerte, dass es der Politik gelungen sei, aus einem wichtigen Thema ein unwichtiges zu machen. Ohne Kompromisse werde keine Lösung gefunden werden können, aber es dürften keine faulen Kompromisse sein. Er sei für die Lösung der Vereinten Nationen, nämlich eine Prozent- bzw. Proporzlösung. Er sprach sich für eine Volksbefragung mit klaren Spielregeln aus. Die Zuständigkeit der Fraktionen und Weile liege jetzt schon bei den Gemeinden, die für die Gemeinden aber bei der Region. Er zeigte auf, dass es auch in anderen Gebieten gelungen sei, nach langer Zeit wieder die historischen Ortsnamen einzuführen, z.B. in Katalonien, in Wales, aber auch in Tschetschenien oder in Inguschetien.

Simon Constantini vom Internetblog  Brennerbasisdemokratie sprach sich für ein mehrsprachiges Südtirol aus, in dem nicht so sehr die Sprachgruppen im Vordergrund stehen: man müsse nicht unterscheiden zwischen deutsch und italienisch, sondern zwischen demokratisch/historisch und totalitär. Die Wissenschaftler könnten das Problem nicht lösen, sondern nur der Politik Werkzeuge in die Hand geben. Die Ortsnamengebung müsse eine Sache der Gemeinden sein, die durch Volksbefragung gelöst werden solle.

Der Bezirksmajor des Vinschgaus Mjr. Peter Kaserer erklärte, dass der Südtiroler Schützenbund einen klaren kulturellen Auftrag befolge und deshalb die historische Lösung mit der Beibehaltung der gewachsenen, nicht faschistischen italienischen Ortsnamen die einzige gerechte Lösung sei. Ein Unrecht dürfe nicht zum Recht gemacht werden; eine solche Grundlage könne nie die Basis eines friedlichen Zusammenlebens sein.

Auf die Stellungnahme der Podiumsgäste folgte eine rege Diskussion mit Teilnehmern aus dem Publikum, die vor allem die faschistischen Ortsnamen mit den faschistischen Denkmälern gleichsetzten und auf den in vielen Punkten sehr unzulänglichen Gesetzentwurf der SVP hinwiesen. Durch den Abend führte gekonnt Harald Stauder.

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