Das Monster im See und das Schwein im Main

Allgemein, Namen

Warum es keinen Sinn macht Namen zu übersetzen

Haben sie schon mal von dem See in Schottland gehört, in dem angeblich ein Monster leben soll? Wissen sie noch wie der See heißt? Richtig! Der See heißt Loch Ness (schottisch-gälisch Loch Nis). Unter diesem Namen ist der See weltweit bekannt. Nun könnte man freilich den Namen Loch Ness in alle möglichen Sprachen der Welt übersetzen. Nichts wäre einfacher als das; schließlich bedeutet das Wort „Loch“ nichts anderes als „See“. Und wenn man schon am Übersetzen wäre, dann könnte man auch noch für die nahe gelegene Stadt Inverness (schottisch-gälisch Inbhir Nis) eine Übersetzung suchen. Das wäre aber auch keine große Herausforderung, weil das Wort „Inbhir“ im Schottisch-Gälischen „Mündung“ bedeutet. Der Stadtname ließe sich also mit „Mündung des Ness“ übersetzen. Des Namen „Ness“ könnte man sicher auch irgendwie übersetzen. Das Ganze ließe sich bis ins Unendliche fortsetzen, bis jeder noch so kleine Winkel in Schottland einen neuen Namen hätte. Aber dann würde das Monster im See wahrscheinlich die Welt nicht mehr verstehen.

Übersetzen kann man ja theoretisch alles. Denn allen Namen liegen Worte als Benennungsmotiv zu Grunde. Und Worte lassen sich nun mal in alle Sprachen der Welt übersetzen. Sinn macht das Übersetzen aber keinen, weil ein Name – ganz im Unterschied zu einem Wort – nichts mehr bedeutet, sondern nur noch bezeichnet. Das ursprüngliche Benennungsmotiv – die Besonderheit, die diesen Ort von anderen abgrenzte – spielt in der Gegenwart keine Rolle mehr. Der Ortsname dient in der Gegenwart nur noch dazu, einen Punkt in der Landschaft eindeutig zu kennzeichnen, damit sich der Mensch in seiner Umwelt orientieren kann.

Die Stadt Schweinfurt in Unterfranken (Bayern) heißt so, weil sie an einer besonders flachen Stelle (Furt) des Flusses Main errichtet wurde, durch die sogar Schweine hindurchwaten konnten ohne zu ertrinken. Die Stadt heißt heute immer noch so, auch wenn wahrscheinlich schon seit einer halben Ewigkeit kein Schwein mehr durch den Fluss getrieben wurde. Den Namen Schweinfurt könnte man natürlich in alle Sprachen der Welt übersetzen. Es wäre aber geradezu lächerlich, die Stadt in Italienisch als „Guado del Maiale“ zu bezeichnen.

Interessanterweise haben die Städte Ochsenfurt in Unterfranken und das berühmte Oxford in England dasselbe Benennungsmotiv. An beiden Orten war die Furt vermutlich etwas tiefer und die Strömung stärker, sodass dort nur Ochsen durchkamen. Die Schweine hätten sich hier wohl in Richtung Meer verabschiedet. Ochsenfurt und Oxford sind aber mit Sicherheit zwei verschiedene Ortschaften. Die Ortsnamen sind keinesfalls austauschbar, auch wenn sie ursprünglich dasselbe bedeuteten.
In Südtirol glauben aber immer noch viele, dass jeder Ortsname übersetzt werden kann und sogar übersetzt werden muss, warum auch immer.

Die italienische Rechte will damit wohl vor allem ihr Revier markieren („Siamo in Italia“). Nichts anderes macht der beste Freund des Menschen bei seinem täglichen Morgenspaziergang. Jeder weitere Kommentar erübrigt sich.
Die Gutmenschen unter uns bestehen darauf, dass es die erfundenen pseudoitalienischen Ortsnamen für das friedliche Zusammenleben braucht. Warum friedliches Zusammenleben aber ausgerechnet auf faschistischem Unrecht und Kulturimperialismus aufbauen muss, ist und bleibt ein Rätsel. Friede ohne Vergangenheitsbewältigung kann nicht von Dauer sein. Lügen haben kurze Beine und auf denen kommt man bekanntlich nicht weit.

Manche Touristiker hingegen haben anscheinend Angst, dass der italienische Gast ohne die Ortsnamenslügen des Ettore Tolomei nicht mehr herfindet. Aber wie finden die Italiener bloß nach München zum Oktoberfest? Womöglich fordert die Tourismuswirtschaft eines Tages auch noch eigene Ortsnamen für die Gäste aus Russland, natürlich mit kyrillischen Schriftzeichen geschrieben. Wer weiß, was passiert wenn mehr chinesische Urlauber kommen? Die können bekanntlich kein „R“ aussprechen. Verkaufen wir unsere Gäste doch bitte nicht für dumm. Die finden sich auch mit den historisch gewachsenen Ortsnamen zurecht.

Manche guten Seelen haben ernsthaft Angst, dass sich die italienischen Schwammerlsucher verirren könnten, wenn nicht jeder Wanderweg pseudoitalienisch beschildert wird. Aber wer Unmengen an Pilzen abseits aller Wege findet, dürfte den Heimweg wohl auch noch finden. In der Praxis schafft die aufgezwungene künstliche Doppelnamigkeit in Südtirol wohl vor allem sehr viel Verwirrung und noch mehr Unfrieden. Eine gerechte Lösung ist derzeit leider nicht in Sicht.
Was würde wohl das Monster von Loch Ness zu so viel Unsinn sagen?

, , , , , , ,
Tageszeitung im Gespräch mit SOKO-Ermittler – Verwirrende Toponomastik
Tageszeitung – Amt für Naturparke spielt Tolomei – „Maso Gelato“

Ähnliche Beiträge

Keine Beiträge gefunden.

Menü