Es liegt an uns – Gedanken zur Toponomastik in Südtirol

Als 1904 ein gewisser Herr aus Rovereto einen Berg im hintersten Ahrntal bestieg und ein großes „I“ einmeißelte, begann ein Kulturverbrechen ohne Gleichen. Die Rede ist von Ettore Tolomei und seiner angeblichen Erstbesteigung des Klockerkarkopfes, den er zur „Vetta d’Italia“ erklärte. Was folgte war eine Fälschungsaktion bisher unbekannten Ausmaßes. Innerhalb von nur 40 Tagen erfand er mit einer Hand voll gleichgesinnter rund 12.000 italienisch klingende Orts- und Flurnamen für das deutsch- und ladinischsprachige Südtirol. Sein Ziel war Italien zur Brennergrenze zu verhelfen und die deutsche Bevölkerung zu assimilieren. Die Ladiner waren für ihn ohnehin nur Italiener mit einem etwas seltsamen Dialekt.

Von Tolomeis Assimilierungsprogramm, welches bei den Faschisten auf fruchtbaren Boden fiel, ist heute nur noch wenig übrig. Der Name „Tirol“ ist nicht mehr verboten, die Personennamen und Familiennamen müssen nicht mehr übersetzt werden und die Grabinschriften dürfen auch wieder deutsch sein. Was aber geblieben ist, sind die erfundenen Ortsnamen, die auch heute noch die alleinig amtlich gültigen sind.

Längst haben sich viele an die erfundenen Ortsnamen gewöhnt, vor allem die Italiener selbst. Das ist eine Tatsache, was aber noch lange nicht bedeutet, dass dies so auch richtig ist. Auch anderenorts hat man lange mit fremden Ortsnamen leben müssen und sich an diese gewöhnt. Trotzdem hat man beispielsweise in Katalonien im Jahre 1983 die hispanisierten Ortsnamen wieder abgeschafft, nachdem sie 250 Jahre amtlich gültig waren. Auch eine späte Lösung ist also möglich.

Die echten (historisch gewachsenen) Ortsnamen sind sicher nicht schwerer auszusprechen als die von Tolomei erfundenen. Wer „Laces oder Marlengo“ sagen kann, der kann auch „Latsch oder Marling“ sagen. Man sollte den Italienern nicht von vorne herein jede sprachliche Fähigkeit absprechen. Genauso sollten wir den Italienern nicht die Fähigkeit absprechen, sich auch mit deutschen Ortsnamen orientieren zu können. Wie wäre es denn sonst möglich, dass man Italiener beim Urlaub in Nordtirol trifft oder beim Feiern auf dem Oktoberfest in München?

Südtirol ist ein mehrsprachiges Land. Deshalb meinen viele, dass es auch überall italienisch klingende Ortsnamen braucht. Aber wenn man genau hinsieht, stellt man fest, dass eine Mehrsprachigkeit in weiten Teilen des Landes gar nicht existiert. Der Großteil des Landes ist nach wie vor fast ausschließlich deutschsprachig und die ladinischen Täler sind immer noch überwiegend ladinischsprachig. Wirklich mehrsprachig sind allenfalls die großen Zentren. Die Mehrsprachigkeit ist also nur punktuell und nicht flächendeckend. Aber ganz davon abgesehen, hat Mehrsprachigkeit nichts mit Mehrnamigkeit zu tun. Am Beispiel Aostatal sehen wir, dass es trotz Mehrsprachigkeit (Frankoprovenzalisch, Italienisch und Walserdeutsch) keine künstliche Toponomastik braucht. In Aosta sind nur die historischen Ortsnamen amtlich gültig. Die von den Faschisten aufgezwungenen Namensfälschungen wurden nach dem Krieg wieder abgeschafft.

Auch die ladinischen und die deutschen Ortsnamen sind irgendwann einmal entstanden; auch sie waren nicht schon immer da. Neue Namen wurden aber immer nur da geprägt, wo es noch keine gab. Wo die deutschen Siedler im Mittelalter in menschenleeres Gebiet kamen, erschufen sie eigene Orts- und Flurnamen, aus der Notwendigkeit heraus die Orte eindeutig bezeichnen zu können. Wo sie hingegen auf die einheimische romanische Bevölkerung stießen, übernahmen sie deren Orts- und Flurnamen, weil es ja keinen Sinn machte neue zu erfinden. Das hätte nur zu Verständigungsproblemen geführt. Deshalb finden sich auch in heute rein deutschsprachigen Gebieten sehr viele Namen romanischen und vorromanischen Ursprungs. Auch die rund 200 echten italienischen Ortsnamen in Südtirol sind auf diese Weise entstanden. Tolomei hingegen arbeitete mit ganz anderen Methoden. Er kannte die heimischen Ortsnamen und hat trotzdem neue erfunden. Er machte auch vor der Umbenennung historisch gewachsener italienischer Ortsnamen nicht halt. Sein Ziel war die Auslöschung der Geschichte des Landes und die Vortäuschung einer nie dagewesenen Italianitá.

Wir können das geschehene Unrecht nicht ungeschehen machen. Das Rad der Geschichte kann man nicht zurückdrehen. Aber man kann es auch nicht anhalten. Es gilt die Geschichte gemeinsam weiter zu schreiben und begangenes Unrecht wiedergutzumachen. Wer dem Frieden zu Liebe alles so lassen will wie es ist, der baut auf einen Scheinfrieden. Dauerhafter Frieden kann niemals auf Unrecht und Lügen aufgebaut werden. Die künstliche Italienische Toponomastik ist ein Teil der Parallelgesellschaft, in der viele Italiener im Lande leben. Nur wenn sie endlich die Geschichte und Kultur unseres Landes akzeptieren, werden auch sie hier ihre Heimat finden. Nur so kommen wir vom Nebeneinander zum Miteinander.

Es liegt an uns selbst, wie diese Diskussion eines Tages Enden wird. Wir selbst entscheiden, ob wir dieses Kulturverbrechen weiter dulden oder ob wir uns für die historische Wahrheit einsetzen wollen. Jeder einzelne kann tagtäglich aufs Neue entscheiden, ob er Tolomeis Lügenwerk verwendet und so weiterhin am Leben erhält.

Mehr Informationen zum Thema auf www.toponomastik.com

Von Arno Rainer (Sprecher der SOKO Tatort „Alto Adige“ im Südtiroler Schützenbund)

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